Bolivien – manchmal müssen wir weit reisen, um über uns hinauszuwachsen
Es gibt Reisen, von denen wir mit schönen Fotos zurückkommen. Und es gibt Reisen, von denen wir ein bisschen anders zurückkommen, als wir losgefahren sind.
Bolivien war für mich genau so eine Reise.
220 Kilometer, sieben Etappen, Höhen zwischen 3.600 und über 4.000 Metern, Selbstversorgung, Kälte, Hitze, Wind und eine Landschaft, die mich immer wieder sprachlos gemacht hat. Am Ende stand für mich der dritte Platz beim Ultra Bolivia Race 2026. Und trotzdem denke ich heute, wenn ich an diese Reise zurückdenke, erstaunlich wenig an die Platzierung. Ich denke an die Menschen. An Begegnungen, Gespräche, gemeinsames Lachen, schwierige Momente – und natürlich an Isabelle. Und daran, wie gut es manchmal tut, nicht alles alleine machen zu müssen.
Ich liebe Abenteuer. Ich liebe es, unterwegs zu sein, neue Länder kennenzulernen und herauszufinden, was mein Körper und mein Kopf leisten können. Und trotzdem hatte ich vor dieser Reise Respekt. Vielleicht sogar ein bisschen Angst. Bolivien ist nicht gerade um die Ecke. Vor mir lag eine lange Reise mit mehreren Flügen, ein Land, das ich nicht kannte, die enorme Höhe und anschließend ein Rennen, bei dem ich eine Woche lang jeden Tag wieder meinen Rucksack aufsetzen und loslaufen würde. Es gab im Vorfeld durchaus Momente, in denen ich mich gefragt habe: Warum mache ich das eigentlich?
Heute bin ich unglaublich froh, dass ich es gemacht habe.
Denn Mut bedeutet für mich nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, etwas trotzdem zu tun. In dieses Flugzeug zu steigen. Loszufliegen. Sich auf Menschen, Kulturen und Situationen einzulassen, die man noch nicht kennt. Und vielleicht beginnt genau dort das eigentliche Wachsen.
Wenn wir reisen, verlassen wir nicht nur einen Ort. Wir verlassen Routinen, Sicherheiten und manchmal auch die Version von uns selbst, die wir aus unserem Alltag kennen. Plötzlich funktionieren viele Dinge nicht mehr so, wie wir es gewohnt sind. Sprache, Essen, Klima, Schlaf, Organisation – und in meinem Fall kam noch die Höhe dazu.
Auf dem bolivianischen Altiplano wird einem sehr schnell bewusst, wie klein man eigentlich ist. Diese unglaubliche Weite, die Vulkane am Horizont, die Dörfer, die Menschen am Wegesrand und schließlich diese scheinbar unendliche weiße Fläche des Salar de Uyuni. Ich habe dort wieder einmal gemerkt, dass Reisen für mich nicht nur bedeutet, die Welt kennenzulernen. Es bedeutet auch, sich selbst neu kennenzulernen.
Wie reagiere ich, wenn etwas nicht funktioniert? Wie gehe ich mit Unsicherheit um? Kann ich Dinge annehmen, statt sie kontrollieren zu wollen? Kann ich Hilfe zulassen? Und kann ich darauf vertrauen, dass ich auch mit Situationen klarkomme, für die ich vorher keinen Plan hatte?
Eine der schönsten Erfahrungen dieser Reise war für mich die Begegnung mit Isabelle. Ab dem zweiten Tag sind wir zusammen gelaufen. Nicht, weil wir irgendwann beschlossen hätten, dass wir jetzt unbedingt ein Team sein müssen. Es hat sich einfach ergeben. Unser Tempo passte, unsere Art miteinander passte und vor allem fühlte es sich für uns beide gut an. Ich kannte Isabelle bereits von meinem ersten Etappenrennen 2018 in der Mongolei. Sie wurde damals 2. Frau und ich den 5. Platz und meine Altersklasse.
Aus zwei Frauen, die ursprünglich ihr eigenes Rennen liefen, wurde unterwegs ein kleines Team. Wir haben aufeinander gewartet und aufeinander aufgepasst. Wir haben uns gegenseitig daran erinnert zu trinken und zu essen. Wenn eine von uns einen schwierigeren Moment hatte, war die andere da. Und wenn es gut lief, haben wir diese Momente genauso miteinander geteilt.
Gerade in einer Umgebung, in der Kleinigkeiten plötzlich eine große Bedeutung bekommen können, war es unglaublich angenehm zu wissen: Da ist jemand. Jemand, der hinschaut. Jemand, der merkt, wenn es gerade nicht so gut läuft. Jemand, mit dem man lachen kann, wenn eigentlich alles anstrengend ist. Und jemand, mit dem man auch einfach schweigend Kilometer um Kilometer durch diese unglaubliche Landschaft laufen kann.
Wir Frauen sind manchmal unglaublich gut darin, beweisen zu wollen, dass wir alles alleine schaffen. Aber vielleicht besteht Stärke gar nicht darin, immer alles alleine können zu müssen. Vielleicht ist es genauso stark, füreinander da zu sein, aufeinander aufzupassen und sich gegenseitig zu unterstützen. Sich anzuschieben, wenn es nötig ist – und manchmal gemeinsam langsamer zu werden.
Isabelle und ich mussten uns gegenseitig nichts beweisen. Wir konnten einfach laufen. Und genau das hat diese Tage für mich so besonders gemacht.
Natürlich bin ich stolz auf meinen dritten Platz. Sehr sogar. Ich habe für dieses Rennen trainiert, mich vorbereitet und viel investiert. Deshalb darf eine Platzierung auch etwas bedeuten. Aber meine wertvollsten Erinnerungen passen in keine Ergebnisliste. Es sind die Menschen, die ich kennengelernt habe. Die Gespräche im Camp. Das gemeinsame Frieren. Das Lachen. Die Erschöpfung. Das gegenseitige Helfen. Diese ganz besondere Verbindung, die entsteht, wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern und mit völlig verschiedenen Geschichten plötzlich dasselbe erleben.
Im Alltag begegnen wir uns häufig über Berufe, Rollen und Erwartungen. Dort draußen war vieles davon plötzlich unwichtig. Da waren einfach Menschen. Und vielleicht ist genau das eines der schönsten Dinge am Reisen: Wir entdecken nicht nur neue Orte, sondern auch, wie ähnlich wir uns trotz aller Unterschiede sind.
Und nein, dein persönliches Abenteuer muss dafür natürlich nicht 220 Kilometer lang sein und auf 4.000 Metern stattfinden.
Vielleicht möchtest du schon lange alleine verreisen. Vielleicht möchtest du deinen ersten Trail laufen. Vielleicht möchtest du dich für einen Wettkampf anmelden, von dem du noch gar nicht weißt, ob du ihn schaffen wirst. Vielleicht möchtest du einen neuen Job beginnen, etwas Eigenes aufbauen oder endlich eine Entscheidung treffen, die du schon viel zu lange vor dir herschiebst.
Wir müssen nicht alle Ultramarathons laufen, um über uns hinauszuwachsen. Aber wir dürfen uns immer wieder fragen: Was würde ich tun, wenn ich mir selbst ein bisschen mehr zutrauen würde?
Wachstum ist schließlich selten bequem.
Meine Rückreise aus Bolivien hat mir das übrigens noch einmal sehr eindrucksvoll gezeigt. Ich kam nach einer langen Reise zurück nach Deutschland. Mein Koffer nicht. Der blieb erst einmal in Bolivien. Natürlich hätte ich darauf sehr gut verzichten können und ja, es hat mich Nerven gekostet. Aber auch das gehört irgendwie zu dieser Geschichte.
Nicht alles läuft nach Plan. Nicht beim Reisen, nicht beim Laufen und ganz sicher nicht im Leben. Wir können nicht kontrollieren, ob Gegenwind kommt. Wir können aber entscheiden, ob wir trotzdem weitergehen.
Und genau deshalb bin ich heute vor allem eines: stolz.
Nicht nur auf 220 Kilometer und nicht nur auf einen dritten Platz. Sondern darauf, überhaupt losgeflogen zu sein. Darauf, meiner Angst nicht mehr Gewicht gegeben zu haben als meiner Neugier. Darauf, mich auf dieses Land und seine Menschen eingelassen zu haben. Darauf, Isabelle begegnet zu sein und erlebt zu haben, wie viel leichter selbst schwere Kilometer werden können, wenn zwei Menschen aufeinander achten.
Und darauf, wieder einmal erfahren zu haben, dass in uns häufig sehr viel mehr steckt, als wir uns selbst zutrauen.
Genau das bedeutet Run to Grow für mich.
Wir laufen nicht nur, um irgendwo anzukommen. Wir laufen, um zu erleben. Wir reisen, um zu entdecken. Wir begegnen anderen Menschen, um voneinander zu lernen. Und manchmal gehen wir ein kleines bisschen über unsere eigenen Grenzen hinaus, um herauszufinden, wer wir auf der anderen Seite davon sind.
Wenn da also etwas ist, das dich schon lange ruft, vor dem du aber gleichzeitig Respekt hast, dann musst du vielleicht nicht warten, bis die Angst verschwunden ist.
Vielleicht darfst du einfach mit ihr losgehen.
Glaub an dich. Trau dir ein bisschen mehr zu. Und lauf los.
Wer weiß, wem du unterwegs begegnest.
Und wer weiß, welche Version von dir am Ende zurückkommt.
Ultra Bolivia Race – die Fakten
Veranstalter: Canal Aventure / The Track Organisation
Ort: Bolivianisches Altiplano & Salar de Uyuni
Distanz: 220 Kilometer
Dauer: 7 Tage / 7 Etappen
Höhenlage: ca. 3.600 bis 4.100 Meter
Verpflegung: Selbstversorgung – Essen und persönliche Ausrüstung werden im eigenen Rucksack getragen
Entfernung: rund 10.000 Kilometer
Anreise: über 15 Stunden Flugzeit – mit mehreren Flügen und Zwischenstopps
Und mittendrin: eine ziemlich kleine Gruppe von Menschen aus unterschiedlichen Ländern, die sich auf dasselbe große Abenteuer eingelassen haben.
Das Ultra Bolivia Race wird von Canal Aventure organisiert und gehört zum Continental Challenge – einer Serie von Ultramarathons auf verschiedenen Kontinenten. Die Rennen sollen dabei ganz bewusst mehr sein als nur ein sportlicher Wettkampf: Es geht um Abenteuer, Begegnungen, das Kennenlernen anderer Kulturen und darum, die eigene Komfortzone zu verlassen.
Und genau das beschreibt meine Woche in Bolivien ziemlich gut.
Wer sich das Rennen und die weiteren Abenteuer von Canal Aventure anschauen möchte, findet alle Informationen auf der offiziellen Website:





Hai fatto centro!
In questi posti ognuno di noi capisce meglio chi è e dove vuole andare… anche da vecchio. Un abbraccio, sei un atleta e una donna fortissima.
Son convinto che ci incontreremo ancora su qualche sentiero.
Luca.