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Norwegen hat mich nicht besiegt – es hat mich verändert

125 Kilometer. 7.000 Höhenmeter. 14 Starter. Drei Finisher. Keine Frau im Ziel.



Wenn ich heute an Norwegen zurückdenke, denke ich nicht zuerst an Schnee, Geröll oder den Moment, an dem mein Rennen nach 46 Kilometern endete. Ich denke an Demut. Es gibt Rennen, die gewinnt man mit den Beinen. Andere mit dem Kopf. Und dann gibt es Rennen wie das Ultra Norway Race von Canal Aventure. Rennen, bei denen man irgendwann begreift, dass weder Beine noch Kopf allein ausreichen. Hier entscheidet die Natur.


Schon oft durfte ich außergewöhnliche Abenteuer erleben. Ich bin durch Wüsten gelaufen, habe Hitze, Sandstürme und schlaflose Nächte erlebt. Hatte schreckliche Blasen an den Füßen. Ich dachte, ich wüsste, was “hart” bedeutet. Ich lag falsch. Norwegen hat mir gezeigt, wie klein der Mensch in einer wilden Landschaft sein kann. Ein Rennen, das eigentlich keines ist. Wer “125 Kilometer Ultramarathon” hört, denkt an Laufen. Ich mittlerweile nicht mehr. Schon nach wenigen Kilometern wurde mir klar, dass dieses Rennen mit dem Bild eines klassischen Ultramarathons kaum etwas gemeinsam hat. Statt laufbarer Trails warteten Schlamm, Sümpfe, steile Anstiege, Flussdurchquerungen, Schneefelder und endlose Gerölllandschaften auf uns. Immer wieder verschwand jeder erkennbare Weg. Orientierung gab es nur über die GPS-Uhr. Ich hatte die Coros Apex 4.


Solltet ihr auf der Suche nach einer zuverlässigen GPS-Uhr sein: Die COROS APEX hat mich während dieses Rennens absolut überzeugt. Mehr zur Ausrüstung, Trainingsvorbereitung etc. gibt es bald in der Aktiv Laufen, Ausgabe Oktober.


Es war kein Wettkampf gegen andere Läuferinnen und Läufer. Es war ein permanentes Anpassen an das, was der Berg zuließ. Jeder Schritt musste verdient werden. Die Natur bestimmte die Regeln – kompromisslos. Unsere einzige Aufgabe war es, sie zu akzeptieren.


Zwischen Staunen und Angst


Es gab Augenblicke, in denen ich einfach stehen blieb. Nicht, weil ich erschöpft war. Sondern weil ich sprachlos war. Rentiere zogen durch die Weite der Berge. Wasserfälle stürzten viele Meter in die Tiefe. Nebelschwaden legten sich über die Landschaft und verwandelten alles in eine Kulisse, die schöner war, als jedes Foto sie jemals festhalten könnte. Und nur wenige Minuten später saß ich zitternd vor einem Schneefeld. Unter mir Felsen. Neben mir der Abgrund. Vor mir der einzige Weg; oder vielmehr KEIN Weg. Nur eine Richtung. In solchen Momenten verschwindet jedes Ego. Es geht nicht mehr um Kilometer. Nicht um Platzierungen. Nicht um eine Zielzeit. Es geht nur noch darum, die nächste Entscheidung richtig zu treffen.



Warum ein DNF doch manchmal Stärke bedeutet


Natürlich wollte ich das Ziel erreichen. Viele haben das Rennen gestartet, doch nur wenige beendet. Aber dafür hatte ich monatelang trainiert. Kilometer gesammelt. Höhenmeter gesucht. Kraft aufgebaut. Zeit investiert. Viel Zeit. Ihr kennt das ja. 

Doch irgendwann lernte ich etwas, das wir im Alltag viel zu oft vergessen. Nicht jedes Ziel lässt sich mit noch mehr Willenskraft erreichen. Manchmal bedeutet Stärke, die Realität anzunehmen. 


Ab Checkpoint 2 lief ich gemeinsam mit einem anderen Läufer. Im Ultralaufen geht es nicht nur um Leistung. Es geht für mich um den Zusammenhalt. Unterstützung. Gerade in einschüchternden Landschaften muss man aufeinander aufpassen. Als wir nach stundenlangem Irren über Geröllfeldern, auf allen vieren über Felsenformationen klettern, durch eisige Flüsse waten… schließlich und endlich den Checkpoint 3 erreichten, war die Cut-off-Zeit verstrichen.


Mein Rennen war beendet.


46 Kilometer. Von 125.


Früher hätte ich das vermutlich als Scheitern bezeichnet. Sicher sehen es einige auch so. Aber ich sehe das jetzt anders.

 

Was Norwegen mir geschenkt hat


Ich habe dort oben etwas verstanden. Wir definieren Erfolg oft über Medaillen, Urkunden oder Finisher-Shirts. Die sozialen Medien machen es nicht gerade einfacher. Aber vielleicht beginnt echter Erfolg viel früher. Vielleicht beginnt er in dem Moment, in dem wir den Mut haben, überhaupt an einer Startlinie zu stehen. Mit Mut fängt alles an. Vielleicht besteht Erfolg darin, gesund nach Hause zurückzukehren. Vielleicht darin, Verantwortung für andere zu übernehmen. Vielleicht darin, die eigene Angst anzuschauen und trotzdem weiterzugehen.

Norwegen hat mich nicht besiegt.

Norwegen hat mir gezeigt, wo meine Grenzen liegen. Und gleichzeitig, wie viel größer wir Menschen werden können, wenn wir bereit sind, ihnen ehrlich zu begegnen. Einige der Läuferinnen und Läufer sind schon mehrfach zu diesem Rennen angetreten, haben sich trotz dieser extremen Gegebenheiten nicht abschrecken lassen, sondern gingen mutig und gestärkt wieder an den Start. Das beeindruckt mich. Auch die „Rookies“ haben mich sehr beeindruckt. Mein bester Freund, Eddi, ging an den Start, ohne jemals in den Bergen gewesen zu sein. Irre? Ja, aber auch sehr mutig. Und neugierig. Das verbindet uns alle. Die Neugier auf das, was kommt und was man schaffen kann. Und auch wenn es für Eddi auch nicht fürs Ziel gereicht hat, konnte er wachsen und fantastische Erlebnisse mit nach Hause nehmen.


Das größte Geschenk


Als ich im Flugzeug nach Hause saß, war ich enttäuscht. Natürlich. Aber gleichzeitig spürte ich etwas viel Größeres. Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, gesund zurückzukehren. Dankbarkeit für Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Dankbarkeit dafür, überhaupt laufen zu können. Denn noch vor wenigen Monaten war ungewiss, ob ich nach meinen Herzproblemen jemals wieder einen Ultralauf bestreiten würde. Heute weiß ich: Das größte Geschenk war nicht das Rennen. Es war die Möglichkeit, überhaupt wieder an der Startlinie stehen zu dürfen.


Und jetzt?


Die Geschichte endet nicht in Norwegen. Im Gegenteil. Sie beginnt dort erst. Jedes Abenteuer hinterlässt Spuren. Manche auf der Haut. Andere im Herzen. Norwegen hat mir gezeigt, dass ich keine Alpinistin bin. Aber es hat mir auch gezeigt, dass ich mutiger bin, als ich manchmal selbst glaube. Und genau deshalb freue ich mich schon jetzt auf das nächste Abenteuer. Bolivien.


Denn Wachstum entsteht selten dort, wo wir uns sicher fühlen. Es entsteht dort, wo wir bereit sind, uns auf unbekanntes Terrain einzulassen.


Run to Grow. Selten hat sich dieser Name so richtig angefühlt wie nach diesen 46 Kilometern in Norwegen.



Hier ein noch die Links zum Rennen und der Uhr:



 

 
 
 

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